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Prof. Otmar Weiß, Leiter des Universitätslehrgangs "Psychomotorik" spricht mit dem PGC darüber, was ihn an der Uni bewegt

Der Universitätslehrgang „Psychomotorik“ beschäftigt sich mit körperlicher Bewegung als wesentlichem Bestandteil der Persönlichkeitsentwicklung und des Sozialisationsprozesses. Um diesen Prozess zu fördern, soll Bewegung verstärkt im Bildungs- und Gesundheitsbereich implementiert werden.

Die wissenschaftliche Leitung des Lehrgangs obliegt Univ.-Prof. Dr. Otmar Weiß, Professor der Sportsoziologie und selbst begeisterter Sportler. Wir trafen ihn zum Gespräch und sprachen mit ihm über Psychomotorik, seinen Werdegang als Universitätsprofessor, den geplanten Lehrgang und über seine Lieblingssportarten.

 


Wie ist es dazu gekommen, dass Sie eine universitäre Laufbahn eingeschlagen haben? Wollten Sie schon immer in diesem Bereich arbeiten?

Wichtige Dinge im Leben sind meistens Zufälle, und so war auch bei mir die Universitätslaufbahn reiner Zufall. Sie war nicht geplant und ich hatte nicht die Absicht, an die Universität zu gehen. Es hat sich einfach ergeben.


Was hätten Sie gemacht, wenn Sie nicht Universitätsprofessor geworden wären?


Ich war bereits vorher Lehrer an der Handelsakademie in Krems und wollte dort bleiben. Ich habe Mathematik und Sport unterrichtet, und in Wien hat sich die Möglichkeit einer Universitäts-Assistentenstelle am Institut für Sportwissenschaft ergeben. Eigentlich wollte ich sie gar nicht annehmen, habe es aber schließlich doch versucht. Ich habe mich von der Schule karenzieren lassen, um mir anzuschauen, wie es an der Universität läuft, es hat mir gefallen und ich bin geblieben.


Wie war die erste Lehrveranstaltung, die sie gehalten haben? Waren Sie nervös?

Eher neugierig. Ich habe schon in meiner Mittelschulzeit Nachhilfe gegeben und war bereits sehr früh mit dem Lehrberuf in Verbindung, und in der Schule habe ich gerne unterrichtet. Auch neben dem Studium habe ich im Kolpinghaus als Erzieher gearbeitet, war Heimleiter und somit häufig in einer ähnlichen Funktion tätig. An der Universität war es dann nicht viel anders. Ich habe das umso lieber gemacht, weil man in seinem Vortrag, bei Vorlesungen und Seminaren freier in der Gestaltung ist und sich besser verwirklichen kann.


Ist jemals irgendwas Verrücktes in einer ihrer Vorlesungen passiert?

Nein, überhaupt nicht. Ich mache das gerne, das ist mein Beruf oder Berufung könnte man sagen, und so hat es nie Probleme gegeben.


Im Juli 2010 startet voraussichtlich der unter Ihrer Leitung stehende neue ULG „Psychomotorik“ an der Universität Wien. Was versteht man unter Psychomotorik und in welchen Praxisbereichen wird sie angewendet?

Das sind jetzt mehrere Fragen auf einmal. Zunächst Psychomotorik. Die Definition könnte als Verbindung von Sozialisation und Persönlichkeitsentwicklung über das Medium Bewegung lauten. Es ist eine neue wissenschaftliche Disziplin, die über den Sportbereich hinausgeht. Das heißt, man setzt nicht nur Sport für die Sozialisation ein, sondern Bewegung insgesamt ist das Medium, über das die Persönlichkeit entwickelt wird. Bewegung wird integriert in den Sozialisationsprozess – Schulräume werden zu Bewegungsräumen. Man lernt durch Bewegungs- und Wahrnehmungshandeln.

Das heißt, Bewegung wird integriert in die Mathematikstunde, in die Deutschstunde, in die Englischstunde. Man versucht mit mehreren Sinnen zu lernen, wobei Bewegung ein ganz wichtiges Medium ist, vor allem für Kleinkinder, die ja hauptsächlich mit ihrem Körper und mit ihren Bewegungen kommunizieren. Das versucht man sich zu Nutze zu machen bzw.  in Lehr- und Lernmethoden mit einzubeziehen und auf diese Weise können Inhalte, kann Neues besser verstanden, besser abgespeichert und auch besser abgerufen werden.


Und wie kann man sich das jetzt in der Praxis vorstellen? Sie haben das Beispiel Mathematikstunde genannt. Wie würde das dort mit der Bewegungseinbindung funktionieren?

Wenn man beispielsweise neue Zahlen lernt oder einfache Rechnungen, Additionen, Subtraktionen etc., durchführt, kann dies im Rahmen von Bewegungsaufgaben erfolgen. Ein anderes Beispiel wären Buchstabentage in der Schule, wo sich Kinder in Form eines Buchstaben oder einer Zahl hinsetzen oder aufstellen und mit mehreren Sinnen die Bedeutung von Zahlen, Buchstaben, Wörtern und auch komplexeren Inhalten lernen.


Wie sind Sie auf die Idee gekommen, diesen Lehrgang zu initiieren?

In einem Gespräch mit Vizerektorin Schnabl wurde die Möglichkeit ins Auge gefasst, den Lehrgang Psychomotorik, der seit 1996 als Lehrgang universitären Charakters an der NÖ Landesakademie läuft, in die Universität Wien überzuführen. Ursprünglich war nicht ich der Initiator, sondern das Land NÖ hat dieses Projekt an das Institut, konkret an mich, herangetragen, und Anfang der 1990er Jahre wurde von einer Projektgruppe das erste Curriculum für diesen Lehrgang entwickelt.


Was war Ihre Motivation, sich für diesen Job anzunehmen? Persönliches Interesse? Sachliches Interesse?

Hier treffen mehrere Motive zusammen. Dieses Projekt geht über den Sport hinaus, weil es versucht, den gesamten Bewegungsbereich des Menschen mit einzubeziehen. Es ist also etwas Neues, als Wissenschafter ist man neugierig und greift gern neue Dinge auf. Ferner hat dieses Projekt einen gesellschaftlichen Hintergrund. Es bringt sehr viel an Lebensqualität für Kinder, für Erwachsene und auch für ältere Menschen, wenn man diese neue Disziplin in die Ausbildung implementiert und in der Folge in Sozialfelder wie Schule, Kindergartenpädagogik, Erwachsenenbereich und Altenbereich integriert. Und insofern hat es auch eine gesellschaftliche, soziologische Bedeutung.

Daraus resultierte für mich die Motivation, dieses Projekt in Angriff zu nehmen und wie sich zeigt, ist es sehr erfolgreich und attraktiv, nicht nur für Studierende, sondern es dient auch zur Verbesserung der Situation in verschiedenen Sozial- und Erziehungsfeldern.


Und wie wird der Lehrgang inhaltlich aufgebaut sein? Gibt es Schwerpunkte?

Der Schwerpunkt, oder die Qualität dieses Lehrgangs liegt in der Ausgewogenheit von Theorie und Praxis. Es geht nicht nur um theoretische Inhalte, sondern die Theorie, die man lernt, wird auch in die Praxis umgesetzt. Die StudentInnen können ausprobieren, wie diverse Lerntechniken funktionieren.


Also im Sinne von „Learning by doing“? Im Unterricht? Oder eben auch in konkreten Projekten, wo man das Ganze dann auch schon nach außen tragen kann?


Beides. Einerseits “learning by doing”, eben durch die Praxisorientiertheit im Unterricht, andererseits aber auch in Form von konkreten Projekten. Die StudentInnen machen beispielsweise auch Berufspraktika, wo sie im Kindergarten, in der Schule oder in anderen Sozialfeldern das anwenden können, was sie im theoretischen und praktischen Unterricht gelernt haben.


Welche Voraussetzungen sollte ein/e BewerberIn mitbringen? Also auch abgesehen von fachlichen Kompetenzen? Wie würde der/die  optimale BewerberIn für Sie aussehen?

Ganz wichtig ist das Interesse an Bewegung und Sport. Wenn dieses Interesse vorhanden und auch in der Biographie des Bewerbers/der Bewerberin nachvollziehbar ist, dann kann man durchaus schon sagen, dass er oder sie geeignet ist. Hinzu kommen die formalen Voraussetzungen.


Wie wichtig ist Ihnen persönlich Bewegung im Alltag und welche Bedeutung hat körperliche Betätigung für Ihr Wohlbefinden?

Körperliche Bewegung ist ein Grundbedürfnis des Menschen, und es ist sehr wichtig, dass man dieses Grundbedürfnis auch zufrieden stellt. Gerade in unserer spätmodernen Gesellschaft, in der Bewegung zunehmend auf der Strecke bleibt – Stichwort „Automatisierung“, Mobilität, „Computerisierung“ etc. Der Mensch braucht ein Mindestmaß an Spannung und Bewegung, um ausgeglichen und in Balance zu sein.


Haben Sie selbst einen Lieblingssport?

Natürlich. Ich spiele leidenschaftlich gerne Tennis und fahre sehr gerne Schi. Als Student habe ich in den Ferien oft als Schilehrer gearbeitet und jetzt im Sommer gehe ich gerne schwimmen. Das gibt mir Kraft und Energie für den Alltag und für den Beruf.


Was steht derzeit auf Ihrem Schreibtisch?

Da habe ich leider eine schlechte Nachricht. Mein Schreibtisch, sowohl zu Hause als auch im Büro, ist überfüllt und im Durcheinander.


... wenn Sie sich entscheiden müssten:

» Fußball oder Schifahren
» PC oder Laptop
» Fleisch oder Gemüse
» Pop oder Klassik
» Zeitung oder Internet

Danke für das Gespräch!


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