Lehrgangsleiter Prof. Ednan Aslan im Interview mit dem PGC
Am 19. November 2009 startet der neue Universitätslehrgang „Muslime in Europa“ an der Universität Wien. Dieser beschäftigt sich mit der Lebenssituation von Muslimen in Österreich und Europa und unterstützt Imamen und SeelsorgerInnen dabei ihre Religion in einem veränderten gesellschaftlichen Kontext umzusetzen und an ihre Gemeinden weiterzugeben.
Geleitet wird der Lehrgang von Univ.-Prof. Dr. Ednan Aslan, der selbst aus der Türkei stammt und diese 1980 verließ, um zunächst in Deutschland und später in Österreich zu studieren. Wir haben ihn getroffen und sprachen mit ihm über den neuen Universitätslehrgang, die neue Religiosität im Islam und wieso es zu verrückten Situationen kommen kann, wenn man ein brisantes Thema wie Islamische Religionspädagogik lehrt.
Prof. Aslan – Sie selbst wurden in der Türkei geboren, studierten dann aber ab 1980 in Deutschland und Österreich. Was hat Sie ausgerechnet auf diese beiden Länder gebracht?
Also der Grund, warum ich nach Deutschland kam, war eigentlich meine Schwester. Ich wollte damals im Ausland studieren und sie war zu diesem Zeitpunkt gerade dort. Das war eine sehr gute Gelegenheit für mich, weil ich so bei ihr studieren konnte. Sie selbst ging dann bald zurück in die Türkei und so bin ich dann alleine in Deutschland geblieben um zu studieren.
Sie haben Sozialpädagogik, Politikwissenschaft und Pädagogik studiert. Wollten Sie schon immer Universitätsprofessor werden oder wollten Sie früher etwas anderes machen?
Nun, Universitätsprofessor wollte ich immer werden, aber am Anfang war es sehr schwierig für mich, weil ich eigentlich von Anfang an im Bereich der islamischen Religionspädagogik arbeiten wollte. Islamische Theologie bzw. islamische Religionspädagogik wurden aber damals im deutschsprachigen Raum nicht gelehrt. Daher habe ich in den ersten zehn an einer Universität in Deutschland vor allem im Bereich der Migrationspädagogik gearbeitet, ein Fach, das vielfach angeboten wird, aber nicht unbedingt das war, was ich machen wollte. Schließlich habe ich die Möglichkeit bekommen nach Österreich zu gehen. Es war damals sehr neu islamische Religionspädagogik an einer europäischen Universität zu lehren. Damit hatte Österreich eine Pionierrolle in Europa und selbst heute wird ein eigenständiges Fach zum Thema „islamische Religionspädagogik“ im deutschsprachigen Raum nur in Österreich angeboten.
Wie war die erste Vorlesung, die Sie selber gehalten haben?
Die erste Vorlesung hielt ich an der Fachschule in Deutschland an der ich selbst studiert hatte, was sehr interessant für mich war, und ich sollte einen Vortrag über die Situation moslemischer Kinder an den Schulen halten, und darüber, wie schwierig ihre Situation sein könnte. Die Studierenden waren leider nicht sehr interessiert an meiner Vorlesung. Deshalb habe ich dann mal angefangen auf Türkisch vorzutragen. Dann war Ruhe im Saal! Bei mehr als 200 Studierenden! Und dann sagte ich: „Wenn Migrantenkinder nach Deutschland kommen, dann haben sie solche Probleme: dass sie die Sprache nicht verstehen.“ Das war eine sehr interessante Einführung und danach haben sie mir wirklich in Ruhe zugehört.
Gab es jemals irgendwelche verrückten Vorkommnisse in einer Ihrer Vorlesungen?
Nun gut, wenn Sie zum Thema Islam vortragen, haben Sie solche Situationen immer wieder! Vor allem, wenn Ihre Vorlesungsinhalte den gesellschaftlichen Erwartungen, den Medienberichten nicht entsprechen, weil dann viele Zuhörererinnen und Zuhörer das Gefühl haben, dass Sie Ihnen nicht die Wahrheit sagen. Sie haben dann mit einem Widerstand zu tun, den Sie wissenschaftlich nicht definieren können und das kann sehr emotional sein. In meinen Vorlesungen war zum Beispiel einmal eine junge Dame, die gemeint hat sie hätte bis vor kurzem über 20 Jahre mit einem moslemischen Mann zusammengelebt und den Islam den ich vortrage hätte sie in diesen 20 Jahren nicht gesehen. Dann hat sie den Saal verlassen. Das ist ein interessantes Beispiel, weil es zeigt, dass viele Menschen den Islam nur in der Praxis wahrnehmen. Dadurch kann ein Islambild entstehen, das nicht der wissenschaftlichen Wirklichkeit des Islams entspricht. Dieser Islam entspricht vielleicht den ostanatolischen Wirklichkeiten oder ägyptischen Wirklichkeiten, aber nicht den theologischen Wirklichkeiten des Islams. So entstehen dann Konflikte. Das war auch in dieser Situation so. Der Mann dieser jungen Dame hat wahrscheinlich seine Gewalt immer mit dem Islam argumentiert, obwohl das mit dem Islam nichts zu tun hat. Leider war es mir nicht mehr möglich mit dieser Frau darüber zu sprechen, dass ihre persönlichen Erfahrungen nicht unbedingt dem Islam entsprechen. Aber sie hat das eben so wahrgenommen.
Wo genau lag jetzt die Motivation diesen Lehrgang ins Leben zu rufen. Hatte das auch etwas damit zu tun dass der Islam eben so verschieden wahrgenommen wird in den verschiedenen Ländern?
Das oben genannte Beispiel ist sehr typisch. Die Imame und SeelsorgerInnen, die nach Österreich kommen, sollten wissen, wie der Islam in der Gesellschaft wahrgenommen wird, was die Menschen unter Islam verstehen. Wenn sie die gesellschaftliche Wirklichkeit des Islams hier in Österreich nicht kennen, dann können Sie auch keine richtigen Antworten auf die Situation entwickeln. Deshalb war für mich sehr wichtig und von großer Bedeutung, dass Imame und Seelsorger die Gesellschaft und Wirklichkeiten von Österreich verstehen. Wie funktioniert Religiosität in der Gesellschaft? Im Recht? Bildung und Kulturleben? Was verstehen die Menschen unter Religion in der Gesellschaft? Es wichtig, dass Imame und SeelsorgerInnen die Verhältnisse hier in der Gesellschaft kennen! Dann können sie gesunde Konzepte für die Situation entwickeln: Wie kommuniziere ich? Wie kann ich den Dialog bestreiten? Wo sind Missverständnisse? Wie entstehen sie? Wie kann ich mit solchen Konflikten umgehen? Das ist eine weitere Aufgabe für diesen Lehrgang: Wie soll man zwei Kulturen in einer Gesellschaft begegnen? Dieser Lehrgang soll Antworten entwickeln und die Imame und Seelsorger mit Fragen konfrontieren, die sie aus ihrer eigenen Geschichte nicht kennen. Dann werden sie herausgefordert!
Im Lehrgang liegt ein besonderer Fokus auf Gender Perspektiven und Genderstudies. Wie kann man sich das im Einzelnen vorstellen? Könnten sie vielleicht ein Beispiel geben?
Ich gebe Ihnen ein einfaches Beispiel: Nach der klassischen islamischen Theologie, darf eine Frau nicht mehr als 80km allein fahren. Aber wir haben an der Universität Wien mehr als 2000 moslemische Frauen, die mit Kopftuch in der Türkei nicht studieren könnten, aber allein von der Türkei nach Österreich reisen um hier zu studieren. Die Theologie muss verstehen, dass diese Frau nicht weniger religiös ist, als eine Frau, die nie alleine mehr als 80km gefahren ist. Das ist eine neue Religiosität in einem neuen Zeitalter. Diese muss man verstehen und das neue Frauenbild muss man auch verstehen. Wie reagieren die Frauen auf diese neue Situation? Wir haben immer mehr mit Frauen zu tun, die das Gemeindeleben mitgestalten. Es gibt mehr gebildete Frauen. Wir haben immer mehr Frauen in der Gegenwart, die auch an der Theologie sehr stark mitwirken. Aber wenn der Imam oder die SeelsorgerIn diese gesellschaftliche Wirklichkeit nicht kennt, dann haben sie die komische Situation, dass sie ihre Lehre auf falschen Bildern aufbauen, wodurch Konflikte und Spannungen entstehen. Weiters entstehen dadurch theologische Diskriminierungen, so dass Frauen diskriminiert werden. Wegen ihrem Verhalten, wegen ihrer Bekleidung, wegen ihrer Lebensweise.
Ein weiteres Beispiel: Nach der klassischen Lehre darf eine Frau nicht alleine mit einem Mann in einem Raum sein. Aber in unserer Gesellschaft ist das nicht mehr machbar. Eine junge Studentin kann nicht sagen: „Herr Professor, ich darf nicht mit Ihnen allein in einem Zimmer sein.“ Das ist einfach nicht mehr zu verwirklichen und das ist auch sinnlos teilweise. Daher muss die klassische Theologie das neue Frauenbild kennen. In der Geschichte war die Frau mehr oder weniger ein Instrument der Theologie. Aber jetzt in der Gegenwart machen Frauen die Theologie. Diesen Wandel muss man verstehen damit man theologisch richtig reagieren kann und ein Teil der Gemeinde nicht diskriminiert wird.
Auf der anderen Seite kann auch der Fall eintreten, dass ein Teil der Gemeinde eine Theologie der Isolation entwickelt: „Wir wollen mit dieser Gesellschaft nichts zu tun haben, weil sie unsere Werte nicht respektiert“. Aus dieser Spannung heraus kann eine theologische Isolation entstehen, die die Bewegung der Menschen in dieser Gesellschaft verhindert. Sie ist ein Hindernis für die Entwicklung eines neuen Frauenbildes, einer neuen Theologie usw.
Wie wird der Lehrgang ansonsten inhaltlich aufgebaut sein? Gibt es Schwerpunkte?
Unser Schwerpunkt ist die Gesellschaft. Es wird nicht so sein, dass wir Theologie lehren. Vielmehr wird die Aufgabe für diesen Lehrgang sein, die Theologen/ Seelsorger auf die Gesellschaft vorzubereiten. Das heißt mit Recht, Politik, Bildung, Kultur, Dialog - diesen Schwerpunkten. Aber wir lehren keine Theologie. Das ist nicht unsere Aufgabe und eine Universität darf das auch nicht tun. Aber wir wollen Imame und Seelsorgerinnen mit den theologischen Fragen der Gegenwart konfrontieren. Sie sollten wissen, welche Fragen unsere Gesellschaft hier im Bezug auf den Islam beschäftigen. Die Antworten werden sie selbst entwickeln, aber sie sind verpflichtet, die Fragen der Gesellschaft zu kennen.
Welche Voraussetzungen, abgesehen von den fachlichen Kompetenzen sollten die BewerberInnen für den Lehrgang mitbringen?
Nun ja, bei einem persönlichen Gespräch werden wir auch, welche Positionen die TeilnehmerInnen gegenüber der Theologie vertreten. Wir können nicht zulassen, dass Personen mit sehr extremen Positionen der islamischen Theologie an diesem Lehrgang teilnehmen. Das würde die Atmosphäre sehr ungünstig beeinflussen und im Lehrgang theologische Diskussionen und Spannungen produzieren, die uns weniger helfen könnten. Deshalb müssen wir über dieses Gespräch einfach auch feststellen, dass solche extreme Positionen keinen Platz finden.
Und sehr wichtig ist auch, dass die Imame und Seelsorger die deutsche Sprache beherrschen. Wenn die BewerberInnen nicht über diese Sprachkenntnisse (B2 Sprachkenntnisse) verfügen, dann werden sie auch nicht zugelassen.
In Bezugnahme auf Ihre eigenen Erfahrungen. Denken Sie, dass es heute leichter oder schwerer für Muslime ist, in Österreich integriert zu werden bzw. sich zu integrieren?
Ich glaube es ist einfacher geworden. Zumindest wenn ich mir ansehe, dass heute an einer Universität islamische Religionspädagogik angeboten wird. Oder auch wenn ich mir die Sprachangebote ansehe, die von den verschiedenen Institutionen angeboten werden. Das sind Chancen für eine gute Integration und das ist natürlich ein Vorteil.
Auf der anderen Seite haben wir aber natürlich auch die Schwierigkeit, dass wir heute ganz stark mit einer Distanz zu tun haben, die nicht mehr mit den Verhältnissen in Österreich zu tun hat, sondern vielmehr mit internationalen Begegnungen und Spannungen. Früher war der Islam sehr selbstverständlich, aber heute ist er vielmehr auch ein Teil der internationalen Politik. Das macht die Integration natürlich schwieriger, was vor 30 Jahren, nicht einmal vor dem 11. September der Fall war. Heutzutage ist Islam für viele eine politische Position - eine Gewaltposition, eine frauenfeindliche Position, eine Position auf der Seite des Weltterrors. Islam wird gesehen als Widerstand gegen Säkularismus und gegen demokratische Werte. Das macht die Integration der Migranten aus islamischen Ländern natürlich viel schwieriger, was früher noch nicht der Fall war. Natürlich wird Integration durch viele Maßnahmen, Lehrgänge, Studiengänge erleichtert, aber die Herausforderung ist viel größer geworden in den letzten 10 bis 20 Jahren. Auch weil der Islam jetzt viel mehr Fragen beantworten muss, die er aus seiner eigenen Geschichte heraus nicht kennt. Damit ist der Islam sehr stark herausgefordert, sich weiterzuentwickeln. Und die Mehrheitsgesellschaft ist natürlich auch herausgefordert, eine Möglichkeit zu finden, den Islam als Teil von Europa, als eine Religion von Europa zu akzeptieren. Damit man den Islam nicht mehr als fremd, sondern als Selbstverständlichkeit dieser Gesellschaft wahrnimmt. Das bedeutet, dass wir alle unsere Hausaufgaben haben. Wenn Muslime Integration nur als staatliche Aufgabe betrachten, dann haben sie die Integration nicht verstanden. Aber auch wenn der Staat Integration nur als technische Aufgabe wie Sprachschule und Schule betrachtet, hat er Integration nicht wirklich verstanden. Wir müssen Integration einfach als mehrere kleine technische Aufgaben auffassen und dementsprechend uns auch vorbereiten. Ich denke mir dieser Lehrgang ist eine Chance, um auch die Imame mit diesen Fragen zu konfrontieren müssen. Einfach zu sagen: „Das sind die Fragen!“ Und sie werden ihre eigenen Antworten wiederum mit unserer Hilfe entwickeln, so dass wir im Dialog gemeinsame Konzepte entwickeln, die wichtige Voraussetzungen für den sozialen Frieden in unserer Gesellschaft sind.
Was steht derzeit auf Ihrem Schreibtisch?
Zur Zeit liegen Vorbereitungen auf meinem Tisch, da ich in Kürze an der pädagogischen Hochschule in Baden einen Vortrag über islamische Ethik halten werde. Das heißt es liegen vor allem Werke zu diesem Thema auf meinem Tisch.
... wenn Sie sich entscheiden müssten:
» Kaffee oder Tee
» Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang
» Gitarre oder Bass
» Sommer oder Winter
» Füllfeder oder Kugelschreiber
Danke für das Gespräch!



