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Universitätsprofessor Günther Haring erzählt im Gespräch mit dem Postgraduate Center warum digitale Technologien in Bibliotheken nicht mehr wegzudenken sind
Professor Günter Haring studierte technische Physik in Graz und fokussierte sich dort auf den Bereich der Informatik. Heute ist er Vorstand des Instituts für Computer Science an der Universität Wien und seit Herbst 2009 wissenschaftlicher Leiter des Universitätslehrganges „Library and Information Studies“. Dieser beschäftigt sich mit dem Einsatz von Informationstechnologien im Bibliotheks- und Archivwesen und stellt somit eine Schnittstelle zwischen diesen beiden konträr erscheinenden Bereichen her.
Im Gespräch mit dem Postgraduate Center verriet Prof. Haring, wieso er statt ins Forschungszentrum CERN an die Universität gegangen ist, welche Herausforderungen uns im Archivwesen künftig noch erwarten, wo die Verbindung zwischen Bibliotheken und EDV zu finden ist und natürlich was die TeilnehmerInnen im Universitätslehrgang „Library and Information Studies“ erwartet.
Herr Professor Haring, Sie haben technische Physik an der Technischen Hochschule in Graz studiert. Das ist ein weites Feld. Wieso haben Sie sich ausgerechnet für den Bereich der Informatik entschieden?
Gegen Ende meines Studiums hat sich die Möglichkeit eröffnet am Institut für Angewandte Mathematik der TU Graz, damals noch die Technische Hochschule Graz, eine Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft anzunehmen, welche ich dann nach meinem Sommer im Forschungsinstitut CERN in Genf auch wahrgenommen habe. Dieses Institut war auch für die Betreuung der Benutzer des EDV-Zentrums verantwortlich und über diese Betreuung bin ich dann eigentlich parallel zum Physikstudium, welches ich dann 1969 mit Doktorat abgeschlossen habe, immer mehr und ziemlich schnell in den Bereich der Informatik gekommen. Allerdings standen für mich auch in der Physik schon davor numerische Fragestellungen im Vordergrund.
Hatten Sie schon immer vor in den Universitätsbereich zu gehen oder hat sich das eher zufällig ergeben?
Das hat sich in der Tat sehr zufällig ergeben. Als ich mit dem Doktorat fertig war, habe ich mich in Genf um eine offene Stelle beworben, habe aber dann über bedingte Abwesenheit meinen Interviewtermin versäumt. Und so wurde die Stelle anders vergeben, obwohl Genf grundsätzliche ein sehr hohes Interesse daran gehabt hätte, dass ich dort anfange. In jedem Fall bin ich so dann an der Uni geblieben.
Sind Sie im Nachhinein froh über diese Entscheidung?
Absolut! „Je ne regrette rien“ sozusagen.
Seit letztem Jahr leiten Sie den Universitätslehrgang „Library and Information Studies“. Auf den ersten Blick scheinen Bibliotheken bzw. Archive nicht sehr viel mit Computern zu tun zu haben. Welche Rolle nehmen moderne Informationssysteme auf den 2. Blick heute im Bibliothekswesen ein?
Das ist richtig - das Bibliothekswesen ist nicht unmittelbar mit der Informatik verbunden. Allerdings haben die „Information Studies“ bzw. „Library Science“ doch einen Bezug zur Informatik und insbesondere im Rahmen der neuen Technologien stellt dieser Bezug eine spannende Herausforderung dar. Weil Sie heute einerseits das klassische Bibliotheks- und Archivwesen haben und andererseits mit der Situation konfrontiert sind, dass durch die neuen Medien eine ganz neue Dimension aufgemacht wurde. Das heißt also: Alles das was Sie mit dem Internet bzw. mit Technologie machen können, beeinflusst heute das Bibliotheks- und Archivwesen ganz essentiell und dramatisch und das ist für mich eigentlich das Spannende in diesem Spannungsfeld zwischen traditioneller Archivierung und neuen Medien. Aus diesem Grund, aus der Faszination dieses Spannungsfeldes heraus, habe ich mich auch dafür entschieden die Leitung dieses Lehrganges zu übernehmen.
Und wie kann man sich diese Verbindung zwischen Bibliotheks- bzw. Archivwesen und neuen Technologien nun in der Praxis vorstellen?
Nun ja, Sie haben heute beispielsweise oft eine Verpflichtung Ihre Arbeiten nicht nur in schriftlicher Form, sondern auch in digitaler Form abzugeben, damit die Informationen auch digital gespeichert werden. In Zukunft werden immer mehr Informationen digital gespeichert werden, und was damit zusammenhängt, und das ist ganz Wesentlich, ist die Möglichkeit der ortsungebundenen Abrufung von Informationen. Sie sind somit in der Lage sich irgendwo hinzusetzen und Daten abzurufen, die irgendwo anders gespeichert wurden, und sind somit nicht mehr dazu gezwungen in die Bibliothek zu gehen, um Informationen zu erhalten. Natürlich werden Sie nach wie vor in die Bibliothek gehen, wenn Sie an einem alten Buch interessiert sind, oder auch um einfach dort zu lesen. Allerdings geht man zunehmend auch dazu über sehr alte Bücher und Werke zu digitalisieren, das heißt also digital aufzunehmen und sie langzeitmäßig zu archivieren. Obwohl wir heute noch vor der Herausforderung stehen, Möglichkeiten zu finden diese digital aufgenommenen Informationen über Generationen von Speichertechnologien zu erhalten. Damit man unser Kulturgut längerfristig speichern und verfügbar machen kann und eben auch Informationen, die heute auf irgendeinem Speichermedium gespeichert werden, auch in 150 Jahren noch gelesen werden können.
Also in dem Sinne ein Format zu kreieren, das die Zeit überdauert?
Ja. Oder ein Verfahren und Strategien zu finden diese Informationen dann in gewissen Zyklen auf ein neues Speichermedium zu transferieren oder vielleicht auch automatisch zu transferieren. Aber das sind offene Fragen, die sehr spannend sind und noch spannender werden könnten.
Wie sieht jetzt der Lehrgang „Library Studies and Information Studies“ jetzt inhaltlich aus? Was genau soll vermittelt werden?
Vermittelt werden sollen sowohl Fragen die jetzt klassischerweise das Bibliotheks-, das Archiv-, das Dokumentationswesen betreffen als auch Dinge, die mit dem Betrieb und der Organisation von Bibliotheken im Wesentlichen zu tun haben. Das heißt, es werden betriebswirtschaftliche und rechtliche Grundlagen vermittelt, es werden Dinge zur Medientheorie vermittelt etc. Das Studium ist ein Mix aus unmittelbar fachspezifischen Techniken, begleitet von Dingen, die mit betriebswirtschaftlichen, naturwissenschaftlichen, dokumentationswissenschaftlichen als auch rechtlichen Dingen zu tun haben. Und das wird natürlich verknüpft mit einem praktischen Anteil – die Teilnehmer am Lehrgang müssen interne und externe Praktika machen – damit die Teilnehmenden nicht nur im Hörsaal sitzen.
Praktika bei Bibliotheken und Archiven?
Ja, bei Bibliotheken und Archiven usw. Es müssen in jedem Fall facheinschlägige Praktika sein. Das kann natürlich Verschiedenes sein. Also alle Praktika, die mit dem Bibliotheksbereich zusammenhängen sind dann relevante Tätigkeiten.
Bekommen die Teilnehmenden dann auch von Seiten des Lehrgangs Unterstützung bei der Suche nach Praktika?
Ja, doch. Allerding müssen Sie sich schon auch um diese Sachen selber kümmern, und die meisten von ihnen machen das ohnehin. Es ist ja auch so, dass eine Zielsetzung des Lehrgangs darin besteht Personen, die vielleicht jetzt schon im Universitätsdienst tätig sind höher zu qualifizieren. Diese werden dann auch automatisch aufgenommen. Wir sprechen also zwei Gruppen von Teilnehmern an: Solche, die schon im Bibliotheksdienst tätig sind und sich höher qualifizieren möchten und dann Externe, die sich für den Bereich des Bibliotheks- und Archivwesen interessieren. Für diese machen wir dann ein Aufnahmeverfahren. Und normalerweise haben es die, die bereits im Bibliothekswesen tätig sind dann ein wenig leichter mit den Praktika. Die anderen müssen sich halt dann ein bisschen mehr darum kümmern, eben auch je nachdem wo ihre Interessen liegen.
Und wie sieht dieses Auswahlverfahren aus?
Wie üblich geben die Leute ihren Lebenslauf ab, sie müssen ein Motivationsschreiben abgeben und sie werden dann zu persönlichen Gesprächen eingeladen, wo man dann noch einmal im persönlichen face-to-face Gespräch herausfindet, warum die Personen denn nun wirklich interessiert sind usw. Weil es ja auch so ist, dass die BewerberInnen aus den verschiedensten Motiven heraus an dem Lehrgang interessiert sind und wir auch eine gewisse Diversität bei den Teilnehmerinnen haben möchten.
Recherchieren Sie nun selbst lieber in Bibliotheken oder über das Internet?
Also an sich bin ich ein Buchfan und habe daher natürlich auch eine sehr hohe Affinität zu Büchern als physische Objekte. Daher stöbere ich auch immer sehr gerne in Bibliotheken. Allerdings ist es zunehmend so, dass ich über das Internet recherchiere, weil für mich quasi alle relevante Fachliteratur über das Internet, also elektronisch verfügbar ist. Das liegt natürlich auch daran dass es auf unserem Gebiet nicht so ist, dass wir auf Werke angewiesen sind die irgendwann im 19. Jahrhundert publiziert worden sind, sondern auf Werke die im letzten halben Jahrhundert entstanden sind. Und diese sind fast alle elektronisch verfügbar.
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