Podiumsdiskussion „Die Babyboomer werden alt – Katastrophe oder Chance?“

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Am 11. April 2016 fand im Dachverband Wiener Sozialeinrichtungen die Podiumsdiskussion „Die Babyboomer werden alt – Katastrophe oder Chance?“ als Veranstaltung des Postgraduate Center der Universität Wien in Zusammenarbeit mit dem Dachverband Wiener Sozialeinrichtungen und der SeniorInnenbeauftragten der Stadt Wien statt.

Am Podium diskutieren:

Martin Gleitsmann
Leiter der Abteilung für Sozialpolitik und Gesundheit; Wirtschaftskammer Österreich

Alexander Hanika
Leiter des Bereichs Analyse und Prognose der Direktion Bevölkerung, Statistik Austria

Franz Kolland
Professor am Institut für Soziologie und Leiter des ULG "Gerontologie und soziale Innovation", Universität Wien

Alice Kundtner
stv. Direktorin und Leiterin des Bereichs Soziales, Kammer für Arbeiter und Angestellte Wien

Moderiert wurde die Veranstaltung von der SeniorInnenbeauftragten der Stadt Wien Angelika Rosenberger-Spitzy, die nach der Begrüßung kurz in das Thema der Babyboomer einführte. Die Babyboomer, um die es in der Veranstaltung ging, sind eine Gruppe von Personen, die nach dem zweiten Weltkrieg in einer Phase des Wiederaufbaus und prosperierender Wirtschaft zur Welt gekommen sind und zahlenmäßig extrem starke Geburtenjahrgänge darstellen. In den Jahren 1961-1964 hatte der Babyboom mit jeweils über 130.000 Geborenen seinen Höhepunkt. Alexander Hanika erklärte dies einerseits mit der hohen Fertilität von im Schnitt mehr als 2 Kindern pro Frau und der gleichzeitigen Realisierung des Kinderwunsches mehrerer Generationen, bedingt durch die Geschehnisse des 2. Weltkrieges. Die demographische Alterung der Gesellschaft tritt nun durch das Älter Werden dieser Babyboomer und durch die insgesamt steigende Lebenserwartung ein. Parallel erfolgt eine „Alterung von unten“ aufgrund der niedrigen Fertilität, so Hanika. Ausgeteilte Folien dienten der Veranschaulichung dieser Zahlen. Die bessere Gesundheit und Agilität lassen das Alter 60 als das neue 40 erscheinen. Da Babyboomer im Schnitt wohlhabender sind, sind sie auch ein wirtschaftlicher Faktor mit anderen Ansprüchen. Daraus ergibt sich eine Chance für die Gesellschaft. Was den Pflegebedarf anbelangt, geht Hanika bis 2020 von wenig Veränderung aus, dann wird die Zahl der Hochbetagten stark ansteigen.

Diese Alterung ist auch in den Betrieben ein aktuelles und wichtiges Thema, stellte Martin Gleitsmann fest und auch die Wirtschaftskammer befasst sich mit diesen Entwicklungen. Es wurde beispielsweise in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen eine Homepage entwickelt, die Betrieben Tipps gibt, wie man mit der Alterung erfolgreich umgehen kann (www.arbeitundalter.at). Dass ältere ArbeitnehmerInnen oft teurer sind, ist zwar ein Faktor, in den österreichischen Betrieben herrscht aber die Kultur des Behaltens, wie sich auch in der Krise gezeigt hat. Die allgemeine Ansicht, die Arbeitslosigkeit unter älteren ArbeitnehmerInnen sei höher als unter jungen, stimmt gemäß Gleitsmann nicht. In Summe beschäftigen die Betriebe 870.000 Personen der Gruppe 50+, bei einem Anstieg um 54.000. Es gibt also keine schlechte Arbeitsmarktsituation für Ältere. Allerdings, ein Verlust des Arbeitsplatzes ist für Ältere äußerst ungünstig und das Finden eines neuen Arbeitsplatzes sehr schwierig. Die Eingliederungsbeihilfe kann helfen. Angesichts der Alterung der Gesellschaft müssen Veränderungen kommen, so etwa eine Anhebung des faktischen Pensionsantrittsalters. Es muss sich auszahlen, länger zu arbeiten. Warum jedoch vielfach auf das Potential älterer ArbeitnehmerInnen verzichtet und das Erfahrungswissen nicht genutzt wird, ist unverständlich. Es entgehen dadurch 20-30% an Produktivität. Die Prognose sieht Gleitsmann bis zum Jahr 2019/20 ungünstig, die Arbeitslosigkeit wird steigen. Der Aufwand für Pensionen ist mit 25% der Gesamtaufwendungen zu hoch, auch wenn nur geringe Steigerungen zu verzeichnen sind.

Auf das Potential älterer ArbeitnehmerInnen wies auch Alice Kundtner hin, die den Anstieg bei den  Aufwendungen für Pensionen mit lediglich 0,5% als nicht problematisch ansieht, zumal bereits Anpassungen im Pensionssystem durchgeführt wurden, etwa eine geänderte Durchrechnung. Wichtig ist, die Beschäftigungsquote insbesondere bei Frauen anzuheben und auch das faktische Pensionsantrittsalter an das gesetzliche heranzuführen, wofür eine gute Gesundheit der Babyboomer Voraussetzung ist. Warum der Wiedereinstieg nach dem Verlust des Arbeitsplatzes älteren ArbeitnehmerInnen so besonders schwer fällt, erklärt Kundtner einerseits mit den vorhandenen Vorurteilen (teuer, oft krank), die aber nicht stimmen, andererseits mit der Konkurrenzsituation. Studien haben ergeben, dass Ältere gerne länger arbeiten, wenn die Freiheitsgrade stimmen, es Entwicklungspotential gibt und Transparenz im Unternehmen vorhanden ist. Die Älterenquoten in den Betrieben muss angehoben werden, wobei Kundtner für ein System von Bonus (bei Erreichen der angestrebten Älterenquote) und Strafzahlung (bei Verfehlen derselben) plädiert. In den geplanten Regelungen (Erhöhung der Auflösungsabgabe) gibt es keinen Lenkungseffekt in Richtung Anhebung der Beschäftigung Älterer. Ältere werden nach wie vor diskriminiert, sagte Kundtner.

Dem pflichtete auch Franz Kolland in seinen Ausführungen bei, Altersdiskriminierung bleibt schlichtweg „straflos“. Er sprach sich dafür aus, die Babyboomer als Generation zu sehen. Babyboomer werden mit negativen Aspekten (kosten viel Geld) assoziiert. Eine Studie ergab jedoch, dass das Verhalten der Babyboomer in der Arbeitswelt von positiven Werten geprägt ist, nämlich einer Gerechtigkeitsorientierung und der Übernahme von Verantwortung für Andere. Unterschiedliche Generationen haben unterschiedliche Interessen, sagte Kolland. Bei einem gelungenen Generationenmanagement aber lässt sich eine Generationenbalance herstellen und die Erfahrung der Babyboomer bzw. Älteren als Bereicherung verwerten. Dazu bedarf es eines Perspektivenwechsels und einer Änderung der Unternehmenskultur, die mehrheitlich von Eingenerationenbetrieben geprägt ist. Kolland konstatierte, dass es wenige Orte gibt, an denen sich Generationen treffen und es kaum Überschneidungen gibt. Die Alterssegregation – zunächst Bildung, dann Arbeit, dann Ruhestand – sollte in Frage gestellt und aufgebrochen werden.

Aus dem Publikum wurde angemerkt, dass der gesellschaftliche Dialog zwischen jung und alt fehlt und es mehr Interesse für die Thematik braucht, das Senioritätsprinzip der 1980er Jahre durch ein Hochleistungsprinzip (wenig kosten und viel leisten) ersetzt worden ist und es immer wieder Fälle gibt, in denen über 50jährige gezielt aus dem Betrieb gedrängt werden und manche Betriebe überhaupt keine Angestellten der Gruppe 50+ haben.

Bei einem kleinen Buffet und weiteren Gesprächen klang der Abend aus.

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