"... und Ihre Blutzuckerkurve kennen wir auch" - Datenschutz im Ambient Assisted Living

Foto: Postgraduate Center - Universität Wien

Univ.-Prof. Dr. Nikolaus Forgó, Leiter des Universitätslehrgangs „Informations- und Medienrecht“ wies zu Beginn der Podiumsdiskussion auf eine Premiere hin. Die Diskussionsveranstaltung am 13. September im Dachgeschoß des Juridicums wurde diesmal von zwei Universitätslehrgängen ("Informations- und Medienrecht" sowie "Gerontologie und soziale Innovation") organisiert und interdisziplinär ausgerichtet.

Neue technische Möglichkeiten helfen den Menschen, bis ins hohe Alter Ihren Alltag besser bewältigen zu können. Ob und wie die dabei anfallenden Daten verwendet werden und verwendet werden dürfen, war Gegenstand der interdisziplinären Veranstaltung. Marianne Hengstberger (AAL Austria) erklärte eingangs, worum es sich bei AAL (Ambient Assisted Living) handelt und berichtete  über die Veränderungen im Nutzerverhalten – auch bei pflegebedürftigen Personen, die unterschiedlich stark auch elektronische Hilfsmittel nachfragen. Auch aus diesem Grund sollen technische Assistenzsysteme dazu beitragen, ein sicheres Umfeld für die Menschen schaffen zu können und die Lebensqualität zu steigern. Werner Bernreiter (SeneCura) berichtete aus der Praxis einer Pflegeeinrichtung. Der persönliche Kontakt könne durch technische Hilfsmittel nicht ersetzt werden, aber man wolle anhand von Musterzimmern erproben, welche Maßnahmen zukünftig eingesetzt werden können. Die Palette reicht von intelligenten Beleuchtungssystemen zur Sturzvermeidung, über Magic Mirrors mit Erinnerungsfunktionen für die Medikamenteneinnahme hin zu intelligenten Pflegebetten oder sensiblen Böden, die Schrittfolgen beobachten können. Ziel sei, die Selbstständigkeit der BewohnerInnen so weit wie möglich zu erhalten und auch das Selbstwertgefühl zu steigern.

Waltraut Kotschy (DPCC – Unternehmensberatung) wies darauf hin, dass das Steuern eines Fensters über ein Tablet kein datenschutzrechtliches Problem darstelle. Auch sei die Nachfrage von WLAN auch in Pflegeeinrichtungen ein Zeichen der Zeit. Sie stellte aber auch klar, dass die Erinnerung an die Medikamenteneinnahme ein Profil voraussetzt, dass eine bestimmte Person zu einem bestimmten Zeitpunkt ein bestimmtes Medikament einnehmen müsse. Hier fällt eine Menge an Daten an. Auch sei mitunter nicht mehr klar, wer Betroffener, Auftraggeber oder Dienstleister sei. In der Pflege sei immer auch ein Behandlungsvertrag gegeben, zu dessen guter Erfüllung das Vorhandensein von Daten und deren Nutzung vertretbar ist Markus Kastelitz (Research Institute) zeigte am Beispiel einer App für Blutzuckermessung, dass ein großes Datenvolumen vom Betroffenen eingegeben werden müsse, das ihm auch zu gute komme. Es sei aber  nicht immer klar, wer sonst noch Zugriff auf diese Daten hat. Dementsprechend forderte er eine datenschutzrechtliche Begutachtung.

Sigrid Pilz (Wiener Pflege-, Patientinnen- und Patientenanwaltschaft) stellte klar, dass diese Technologien die Autonomie des Patienten unterstützen können, aber auch das Gegenteil bewirken können. Früher waren „Herrschaftsinstrumente“ (etwa ein Gurt) in der medizinischen Pflege sichtbar, nunmehr seien sie oft unsichtbar. Aus der Praxis der Patientenanwaltschaft berichtete sie darüber, dass oftmals technische Hilfsmittel auch von Angehörigen eingesetzt und gefordert werden, darin aber auch gleichzeitig ein Zugriff auf die Intimität der Betroffenen erfolgt, der Angehörigen nicht zusteht. Sie sieht ein Spannungsfeld zwischen der Möglichkeit der Freiheitserweiterung bei gleichzeitiger Gefahr überschießender Überwachung.

Einstimmig wurden Leitlinien gefordert, die auch zu einer Objektivierung und Klärung dieser Fragen beitragen sollen. Bei deren Entwicklung müssen ExpertInnen der verschiedenen Disziplinen (etwa Technik, Gerontologie, Recht, Pflege) zusammenarbeiten. Im Rahmen eines proaktiven Datenschutzes solle zudem vorab geklärt werden, welche Daten notwendigerweise zur Erreichung eines bestimmten Zieles benötigt werden. Ebenso solle ein gesellschaftlicher Diskurs geführt werden, ob und in welcher Weise man soziale Beziehungen an Technik auslagern kann und soll. Die Veranstaltung war ein kleiner Beitrag zum Dialog zwischen unterschiedlichen Akteuren, der auch unmittelbar beim Ausklang beim Buffet weitergeführt wurde.

Alle Details zum Masterprogramm: "Gerontologie und soziale Innovation"

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