Sommersemester 2016 – Modul Natur

Umkämpfte Natur in Lateinamerika. Sozial-ökologische Dynamiken im Wandel

Semesterleitung: Fernando Ruiz Peyré, Gerhard Rainer und Frank Zirkl (Universität Innsbruck)

Lehrveranstaltungen

Die gesellschaftlichen Naturverhältnisse (Becker & Jahn 2006) und der Blick auf 'Natur' haben sich in den letzten Jahren in Lateinamerika gewandelt. Diese Veränderungen werden meist mit dem politischen Umbruch in Ländern wie Bolivien, Ecuador, Venezuela, Brasilien oder Argentinien in Verbindung gebracht. Ob es sich im Kontext neuer, 'progressiver' (linker) Regierungen jedoch um eine Neuausrichtung gesellschaftlicher Naturverhältnisse handelt ist derzeit Gegenstand intensiver akademischer und zivilgesellschaftlicher Diskussionen.

In ihrem Kern charakterisiert sich die derzeitige Debatte dadurch, dass sich unterschiedliche Positionen auf die aktuelle Intensivierung der Ressourcennutzung/-extraktion konfliktiv gegenüberstehen. Dabei ist der Blick auf Lateinamerika als ein Kontinent 'reich an natürlichen Ressourcen' selbstverständlich nichts Neues. Spätestens seit Beginn der Kolonisierung des Kontinents stehen diese Ressourcen (vor allem mineralische Rohstoffe aber in einem breiteren Verständnis auch Nutzpflanzen und agrarische 'Gunsträume' für weltmarktorientierte Produktion wie beispielsweise Zuckerrohr, Viehwirtschaft, Kakao, Kaffee und Kautschuk) im Fokus des Interesses an Lateinamerika. Die eben genannten Beispiele zeigen bereits die Diversität extraktiver Nutzungsformen in Lateinamerika: ob im mittelamerikanischen Tiefland, im andinen Hochgebirge oder im Amazonasbecken. Unsere Raumvorstellungen sind direkt mit "dort" vorhandenen natürlichen Ressourcen und spezifischen gesellschaftlichen Naturverhältnissen verbunden: der brasilianische Nordosten wird beispielsweise mit intensiver Zuckerrohrplantagenwirtschaft in Verbindung gebracht oder die argentinische Pampa mit extensiver Rinderweidewirtschaft und der Figur des Gaucho.

Auch wenn die Kritik an einer Darstellung Lateinamerikas als ein Kontinent 'mit natürlichen Ressourcen im Überfluss' gewiss nichts Neues ist (siehe bspw. Galeano 1973), so hat die zivilgesellschaftliche und akademische Debatte seit den 1990ern doch an Intensität gewonnen. Soziale und indigene Bewegungen begannen sich stärker transnational zu vernetzen und ein anderes Verständnis des Umgangs mit 'Natur' einzufordern. Konzepte wie beispielsweise 'Buen Vivir' haben dadurch Eingang in eine globale Debatte zur Neuausrichtung gesellschaftlicher Naturverhältnisse geführt. Die Machtübernahme durch progressive (linke) Regierungen steht in direktem Zusammenhang mit dem Bedeutungsgewinn sozialer und indigener Bewegungen, hat gleichzeitig aber auch die Schwierigkeiten und Grenzen des damit in Verbindung stehenden Umbruchs aufgezeigt. Der Boom ausländischer (und interlateinamerikanischer) Direktinvestionen, der massive Infrastrukturausbau und die Erschließung neuer Pionierfronten für weltmarktorientierte Produktion/Extraktion zeugen davon, dass das Modell der ressourcenbasierten Entwicklung für die lateinamerikanischen Regierungen nichts an Attraktivität eingebüßt hat.

Unter der neo-extraktivistischen Logik wird den natürlichen Ressourcen jedoch eine entscheidende Rolle für Armutsbekämpfung eingeräumt. Für viele Vertreter der Zivilgesellschaft (und auch der Wissenschaft), die einen viel radikaleren Wandel fordern, ändert sich damit aber an der grundlegenden Problematik nichts. Das Ölförderungsprojekt Yasuní in Ecuador, transnationale Investitionen im Kontext touristischer Großprojekte an der Küste Costa Ricas, neue Bergbau-Großprojekte in Argentinien oder die 'República de la Soja' im südamerikanischen Tiefland zeigen, dass Konflikte um 'Natur' eher noch an Aktualität gewonnen haben. Umkämpfte (Vorstellungen von) Naturnutzung stehen im Zentrum aktueller Debatten um Neoliberalismus, Post-neoliberalismus, Neo-Extraktivismus und Post-Development in Lateinamerika; sie prägen aktuelle lateinamerikanische Diskussionen wie kaum eine andere Problematik.

Im Rahmen des Moduls sollen diese vielfältigen Konflikte um Natur in den Fokus gerückt werden.