HOPP-Alumni-Abend: "Die Psychotherapie in Zeiten des Neoliberalismus"

Datum: Mo, 09.03.2020, 17:30-20:15
Ort: HOPP-Seminarraum 2 - Währingerstraße 63/17, 1090 Wien
Vortragende: DSA Angelika Grubner, BA
Zur Anmeldung: Link

Im Rahmen unseres 12. Alumni-Abend unseres Universitätslehrganges am Mo, 09.03.2020, 17:30-20:15 hielt Frau DSA Angelika Grubner, BA einen Vortrag zum Thema: Die Psychotherapie in Zeiten des Neoliberalismus.

Noch nie in der Geschichte westlicher Gesellschaften waren so viele Menschen davon überzeugt, dass die Psyche eine zentrale Rolle für ein gelungenes oder glückliches Leben spielt. Noch nie waren die Individuen in einer derart intensiven Weise aufgefordert, die Psyche mittels Psychotherapie zu modifizieren und zu optimieren wie heute. Noch nie gab es neben dem äußerst florierenden Markt einen staatlichen Zugang zur Psychotherapie, der alle diese vielfältigen Erwartungen mit der einen oder anderen Methode zu erfüllen und umzusetzen verspricht.

Unter Rückgriff auf Michel Foucault, der den Neoliberalismus auf erschreckende Weise „vorausgesagt“ hat, wird in diesem Input gezeigt, wie das (beinahe) reibungslose Zusammenspiel von Psychotherapie und Neoliberalismus funktioniert. Entlang einer Darstellung der Geschichte der Psychotherapie formuliert die Vortragende die These, dass „Neoliberalismus und Psychotherapie zeitgleich gemeinsam gewachsen sind und im Grunde ‚beste Freund*innen‘ sind“. Die Entstehung des Kapitalismus‘ aus einer feudalen Gesellschaftsordnung sowie die Genese einer modernen Psychologie und Psychotherapie sind miteinander eng verflochten: im Rahmen von Management-Konzepten, die mit Befragungen von Mitarbeiter*innen Effizienz, Zufriedenheit und Kontrolle fördern, Werbepsychologien, die durch die Erforschung der Psyche den Absatz von Produkten und die Steigerung von Umsatz fördern, oder im Diktum Freuds, Gesundheit liege im Vermögen arbeiten und lieben zu können. Mit dem Kapitalismus sei die Psyche allererst zu einem derart prominenten Thema geworden.

Mit Foucault stellt die Vortragende die Rückfrage nach dem Zusammenhang von (psychotherapeutischen) Wissen und Wahrheit in Verbindung mit Politik und ökonomischen Verhältnissen. Der Blick der Vortragenden fokussiert die ökonomischen und politischen Seiten der psychotherapeutischen Praxis. Entlang dieses Akzentes förderte die Vortragende zahlreiche bemerkenswerte Phänomene zu Tage: „Als Psychotherapeut*innen sind wir nicht außerhalb eines neoliberalen Denkens, sondern mitten drinnen.“

Hierzu zählt eine Psychologisierung des Lebens. Soziologische Probleme (Arbeitslosigkeit, Armut, Beschäftigung, Leistungsfähigkeit) sollen im Rahmen psychotherapeutischer Interventionen behandelbar werden. Eine Sensibilisierung für psychische Erkrankungen paart sich mit den Imperativen der Selbstenfaltung und Selbstentwicklung. Mit entsprechenden Narrativen des Berufsstandes sollen auf diese Weise implizit auch die Praxen von Psychotherapeut*innen gefüllt werden. Ausbildungseinrichtungen agieren nach einer Marktlogik und bemühen sich darum, die Nachfrage zu decken, ohne dass die Auswirkungen auf den Berufsstand oder die Versorgungslage darin zu einem vordergründigen Thema werden würden. Die Vortragende fasst zusammen: Ausbildungseinrichtungen produzieren Kolleg*innen. Psychotherapeut*innen produzieren mit ihren Narrativen und mit ökonomischen Absichten Patient*innen.

Die Vortragende fragt weiter: Wie ist es dazu gekommen, dass das vielfältige Psy-Angebot in den letzten Jahrzehnten so rasant gewachsen ist? Was gehört zu dieser Dynamik, der Bevölkerung über ein ganzes Leben hinweg fortwährend eine Begleitung durch Psy-Berufe nahezulegen? Kann Psychotherapie überhaupt politische Subjekte hervorbringen?

Angelika Grubner, selbst seit 20 Jahren in freier Praxis als Psychotherapeutin tätig, ermuntert zu einer „selbstkritischen Psychotherapie“. Sie empfiehlt, Klient*innen mit der Rückfrage – „Denken Sie, hat Ihr Zustand etwas mit Ihrer Lebenssituation zu tun?“ – über das individuelle Erleben hinaus nach sozialen Verhältnissen zu fragen. Klient*innen sollen zudem in ihren bürgerlichen Rechten bestärkt werden. Zudem gelte es auch die Instrumentalisierung von Psychotherapie für Arbeitsmarktpolitik kritisch zu befragen, etwa wenn Fördermittel an eine verpflichtende Psychotherapie geknüpft werden. Sie plädiert für eine öffentliche Finanzierung der Ausbildung, um diese einer Marktlogik zu entheben.

 

Zur Person: DSA Angelika Grubner, BA

  • Psychotherapeutin
  • Akademische Referentin für feministische Bildung und Politik
  • dzt. Studium der Philosophie an der Universität Wien